Aus der Wunderkammer
1. „Das Papyrusfragment ist antik“: Dies wird schließlich ohne Unterlass wiederholt. Selten ist ein
kontraproduktives Argument mit so viel Enthusiasmus und Verbissenheitbeteuert worden. Uns wurde offenbart,
dass unwiderlegbare
Beweise (Kohlenstoff-14-Methode) auf das erste Jahrhundert v. Chr./ erste Jahrhundert n. Chr. führen.
Wir haben das unsererseits immer vermutet und, in gewissem Sinn, auch befürchtet: Und wenn schon, so
ist die Fälschung dennoch unbestreitbar. Leider. Wie könnte, da derText der vierten Spalte weitgehend
aus Markianos bezogen ist, sich eine Schrift, die nach dem vierten Jahrhundert n. Chr. entstanden ist,
auf einem Beschreibstoff des ersten Jahrhunderts v. Chr. befinden? Nur ein Wundertäter – oder vernünftiger
gesagt, ein Fälscher! – könnte so ein „Wunder“ vollbringen. Und was die Tinte betrifft, so ist allgemein
bekannt, dass es Fälscher gibt und gegeben hat, die dazu fähig sind, antike Tinten (die unter anderem
in antiken, heute noch erhaltenen Rezepten beschrieben werden) nachzuahmen.
Hinter der Maske des Artemidor
Nachdem das Fest von Berlin nun vorbei und der Monolog erschöpft ist, drängt sich eine Bilanz auf. Man
stellt zunächst fest, dass der Großteil der tatsächlich schon vor drei Monaten in dem Band Il
papiro di Artemidoro des Verlages
Laterza präsentierten Daten ohne Erwiderung geblieben ist. Diese Daten betreffen Anachronismen, geographische
Fehler, die späte Sprache.
Vor allem aber offenbaren wir dem Leser die wahre Neuigkeit von Berlin, die auch sofort in die Spalten
der Zeitung Sole 24 ore gedrungen ist, jedoch im Lärm unterzugehen droht. Der anfängliche Fund
hat seine Natur geändert. Er war einmal eine Totenmaske aus Pappmaché, nun ist er es nicht mehr!
Aus: Wie kann das ein Artemidor-Papyrus sein? Ma come fa a essere un papiro di Artemidoro? Hsg.:
Luciano Canfora und Luciano Bossina. ΕΚΔOΣΙΣ 6 von Luciano Canfora, Pagina
soc. Coop, Bari, 2008.
Mit freundlicher Genehmigung von Luciano Bossina.